Charme ohne Darm

| Renate Dehner
Eine der liebenswürdigeren menschlichen Fähigkeiten besitzt vielfältige Gesichter.

Aber, das nur nebenbei bemerkt, selbst wenn „Darm mit Charme“ schon fast zum geflügelten Wort geworden ist und viele Verlage mit ihrer Titelgestaltung auf den Charme-Zug aufgesprungen sind, der Arsch mit Ohren ist keines dieser Gesichter. Dabei fällt mir höchstens der Inkubus aus Washington ein, und meine diesbezüglichen Assoziationen sind echt uncharmant – gehen eher so in die Richtung Darm ohne Charme.

Auch in den regionalen Ausprägungen ist Charme manchmal erst auf den zweiten Blick erkennbar. Ich denke da zum Beispiel an den schwäbischen Bauern, der seinen Nachbarn, den Professor aus der nahen Universitätsstadt, dabei erwischte, wie der verbotenermaßen den Weg durch seinen kleinen Weinberg nahm. Er stellte ihn sofort zur Rede: „ Ja, Heilandsagg no emol, du  kommsch ma grad gschliffa, du saudomma Griffelschbiddza, wenn i di no oimol in meim Wingert verwisch, no schlag i dr d’Läuf ab, dass de uff de Schdomba hoimquaddle muasch!“  Erschrocken entschuldigte sich der Professor sofort, das sei, weil er in Gedanken, ein Versehen gewesen und würde nie wieder vorkommen. „I woiss“, antwortete der Bauer, „drumm sag i’s jo em Guada!“

Bekanntschaft mit dem ganz spezifischen Kurpfälzer Charme konnte ich selbst machen, als ich in Heidelberg unterwegs war. Ich schlenderte ganz harm- und arglos die Straße entlang, als ich plötzlich einen Schlag auf den Waden spürte und eine grummelnde Stimme mich aufforderte: „Gejese mol weg doo, Sie laafe mer dauernd vor de Fieß rum!“ Ich sprang sofort erschrocken zur Seite. Eine ziemlich dicke, ziemlich alte Lady mit Krückstock hatte sich zu helfen gewusst! Aber, ganz ehrlich, auf ein „Verzeihung, darf ich mal vorbei?“ hätte ich auch reagiert. Vielleicht nicht so ruckartig, also ja, doch, mit Charme erreicht man alle Ziele ein bisschen leichter.

Das bringt mich zum eigentlichen Anliegen dieses Beitrags. Die Zeiten zeichnen sich nicht gerade durch eine Zunahme an Freundlichkeit, Höflichkeit und generell gute Manieren aus. Der Ton wird immer rauer und wüster. Wollen wir das? Selbstverständlich nicht! Ich richte daher einen flammenden Appell an alle Leser, von nun an mit leuchtendem Beispiel voranzugehen. Überlegen Sie doch mal, ob, wann und wo Sie nicht ein bisschen mehr Charme und Lebenswürdigkeit in Ihrem Alltag unterbringen können. Muss ja nicht viel sein, tut auch gar nicht weh. Einfach mal ein Lächeln hie und da mehr, das wäre schon ein guter Anfang.

Nun weiß ich selbstverständlich, dass meine Leser sowieso zu den ganz Netten im Land zählen, aber deswegen dürfte es doch gerade Ihnen leichter fallen als anderen, noch eine kleine Extra-Anstrengung in die richtige Richtung zu unternehmen, oder? Zeigen Sie offen, was für ein netter Mensch Sie sind – das steckt dann ganz sicher auch andere an, nicht mehr damit hinter dem Berg zu halten, welch guten Kern die raue Schale verbirgt.

Herrgott, ich weiß ja auch nicht, ob es hilft – aber ich weiß, dass ich echt keine Lust habe in einem Land zu leben, in dem man sich nur noch anraunzt, in dem Ellbogen die wichtigsten Körperteile sind, in dem das eigene Ego die einzige Richtschnur für das Verhalten ist und Charme nur noch in Verbindung mit Darm vorkommt, als etwas, auf das man scheißt.