Führungskräfte führen

Wer Führungskräfte führt, stärkt Menschen darin, selbst Führung zu übernehmen

Der Kalender war übervoll. Der Kopf lief auf Hochtouren. Immer wieder landeten Themen auf dem Tisch des Abteilungsleiters, die eigentlich längst an anderer Stelle hätten bearbeitet werden können. Vier Teams, jeweils mit eigenen Teamleitungen, dazu ein stark wachsendes Unternehmen mit komplexer Matrixstruktur. Auf dem Papier war die Führungsstruktur zwar klar, im Alltag jedoch sah die Welt anders aus. 

Diese Phänomene sind oft Ausdruck einer besonderen Herausforderung: Führungskräfte zu führen, ist eine deutlich andere Aufgabe, als Mitarbeitende direkt zu führen. Wer Teamleads führt, der führt gewissermaßen „über Bande“. Das klingt selbstverständlich. In der Praxis braucht es dafür jedoch sehr viel Klarheit, Vertrauen und die Fähigkeit, die Verantwortung dort zu lassen, wo sie hingehört.

Wenn Bypässe die Führung schwächen

Im Coaching des oben beschriebenen Abteilungsleiters wurde schnell sichtbar, dass er von Hause aus sehr verantwortungsbewusst war. Er sah die Baustellen und wollte helfen. Er griff deshalb direkt ein, wenn etwas hakte. Daraus entstand allerdings allmählich ein Muster, das viele Führungskräfte kennen: Die direkte Unterstützung der Mitarbeitenden wirkte im ersten Moment zwar hilfreich, langfristig jedoch schwächte er damit seine Teamleitungen. 

Denn jedes Eingreifen vorbei an der Teamleitung sendet eine Botschaft. An die Mitarbeitenden heißt das: „Ihr könnt auch direkt zur nächsthöheren Führungskraft gehen.“ Beim Teamlead kommt an: „Deine Rolle ist nur begrenzt tragfähig.“ Und für den Abteilungsleiter selbst bedeutet es, dass am Ende doch wieder alles bei ihm landet.

So entsteht eine Dynamik, die den Abteilungsleiter zum Bottleneck macht. Die eigene Wirksamkeit sinkt, obwohl der Einsatz steigt. Genau darin lag ein wichtiger Wendepunkt im Coaching: Unser Abteilungsleiter begann, seine Teamleitungen konsequenter zu führen und sie in ihrer Führungsrolle zu stärken.

Führung bedeutet, Entwicklung möglich zu machen

Führungskräfte zu führen heißt, die Verantwortungsbereiche zu klären. Wer entscheidet was? Welche Themen gehören zur Teamleitung? Wo braucht es Rücksprache? Wo braucht es Entwicklung?

Besonders deutlich wurde das beim Thema „Rückdelegation“. Einige Mitarbeitende kamen mit ihren Themen direkt zum Abteilungsleiter. Früher hätte er vielleicht noch eingegriffen. Im Coaching wurde daraus eine neue Haltung: Diese Themen gehen zurück an die Teamleitung. Wichtig war, zu begreifen, dass das keine Abwehr bedeutete, sondern eine Stärkung der vorhandenen Führungsstruktur.

Auch für die Rückdelegation durch die Teamleitungen entwickelten wir einen veränderten Fokus. Die Frage lautete nicht mehr: Wie löse ich das schnell? Sondern: Wie kann diese Führungskraft lernen, das Thema selbst zu bearbeiten?

Dieser Wechsel der Perspektive veränderte die Qualität seiner Führungsarbeit. Aus dem Problemlöser wurde ein Coach für Führungskräfte. Aus der operativen Entlastung entstand eine Möglichkeit zur Entwicklung. Und daraus wuchs die Kompetenz des Systems, Verantwortung selbst zu übernehmen. 

Wirksamkeit entsteht durch Rollenbewusstsein

Mit der Zeit lernte der Abteilungsleiter, kontinuierlich diesen veränderten Blickwinkel einzunehmen. Die direkten Eingriffe wurden weniger und er investierte mehr Zeit in die Arbeit mit seinen Teamleads. Auf diese Weise landeten weniger interne Themen auf seinem Tisch und die Verantwortung blieb dort, wo sie hingehört.

Das brachte spürbar mehr Ruhe in die Führungsarbeit. Der Abteilungsleiter konnte sich stärker auf inhaltliche und strategische Themen konzentrieren. Gleichzeitig wurden die Teamleitungen sichtbar souveräner in ihrer eigenen Rolle.

Für Führungskräfte auf der zweiten Ebene liegt darin ein wichtiger Impuls: Die eigene Wirksamkeit entsteht nicht dadurch, überall gleichzeitig präsent zu sein. Sie entsteht dadurch, die Führungsarchitektur konsequent zu nutzen.

Wer Führungskräfte führt, stärkt Menschen darin, selbst Führung zu übernehmen. Das braucht Vertrauen, Klarheit und die Bereitschaft, eigene Muster zu reflektieren. Genau dort beginnt die Entlastung, die weit über Zeitmanagement hinausgeht.

Wenn Sie mehr Impulse für Führungskräfte, Business-Talk, Management-Input und Gedanken, die Unternehmen für die Zukunft stärken, möchten, hören Sie gerne in den Business-Podcast von Alice Dehner rein.

 


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