Kommunikation in Change-Prozessen

Dos and Don’ts in der Kommunikation 

Das neue Organigramm ist gerade herumgeschickt worden. Gleich mal reinschauen. Da sind neue Bereiche dazugekommen. Dort wurden die Verantwortlichkeiten neu verteilt. Auf den ersten Blick wirkt alles schlüssig. Doch auf einmal wandert der Blick unstet über das Dokument. Wo ist denn meine eigene Position? Die taucht in diesem Organigramm gar nicht auf! Vielleicht wurde sie woanders hingeschoben? Ist sie umbenannt worden? Oder fällt sie etwa weg??? Mit mir hat darüber noch keiner gesprochen …

Leider ist dieses Erleben nicht die Ausnahme und erklärt, warum Change-Prozesse so oft auf Widerstand stoßen. Häufig verursacht die Veränderung selbst nämlich weniger Probleme als die mangelhafte Kommunikation rund um die Veränderung. Den Mitarbeitenden fehlen die Transparenz und die Richtung. Sie spüren, dass etwas in Bewegung ist. Es wird gemunkelt, vermutet und interpretiert. Gerüchte schießen ins Kraut. Im besten Falle gehen sie zu ihren Teamleitern. Doch die können die Fragen selbst kaum beantworten. Daraus entsteht Unsicherheit. Und aus Unsicherheit entsteht häufig Widerstand.

Veränderung braucht ein Warum

Bereits Kurt Lewin hat in seinem bekannten Phasenmodell beschrieben, dass Veränderung nicht einfach von selbst geschieht. In der ersten Phase, dem sogenannten „Unfreeze“, geht es darum, bestehende Strukturen in Bewegung zu bringen. Das gelingt nur, wenn Menschen verstehen, warum eine Veränderung notwendig wird.

In der Praxis wird dieser Punkt häufig unterschätzt. Die Unternehmensleitung beschäftigt sich oft schon lange mit Marktveränderungen, Wettbewerbsdruck, strategischen Risiken oder neuen Anforderungen. Dort ist die innere Dringlichkeit längst spürbar. Für die Mitarbeitenden sieht die Lage mitunter ganz anders aus. Sie haben gerade nach dem letzten Veränderungsprozess wieder Stabilität gefunden. Sie haben die neuen Abläufe verstanden, Beziehungen neu aufgebaut und ihre Aufgaben wieder im Griff. Wenn dann der nächste Change angekündigt wird, entsteht schnell die Frage: Warum jetzt schon wieder?

Genau deshalb braucht Veränderung eine klare Kommunikation über die Ausgangslage: 

  • Was ist der Anlass?
  • Welche Entwicklung macht den Wandel notwendig?
  • Was passiert, wenn das Unternehmen so weitermacht wie bisher? 

Diese Fragen müssen früh beantwortet werden. Daraus muss kein großes Drama gemacht werden. Viel wichtiger ist es, die Menschen dafür zu sensibilisieren und sie ruhig, ehrlich und nachvollziehbar auf die anstehende Veränderung vorzubereiten.

Eine positive Vision gibt Richtung

Neben dem Warum braucht ein Change-Prozess ein klares Wohin. Menschen folgen Ihnen leichter, wenn sie eine Vorstellung davon entwickeln, wofür die Anstrengung gut ist. Diese Vision sollte allerdings mehr sein als eine Zielzahl. „Wir wollen den Umsatz steigern“ kann betriebswirtschaftlich vollkommen richtig sein. Als attraktives Zielbild, das die Mitarbeitenden ebenfalls erreichen wollen, ist es jedoch zu abstrakt. Eine tragfähige Vision erzählt, welche Zukunft entstehen soll. Sie beschreibt, wie die Zusammenarbeit aussehen wird, welchen Nutzen Kundinnen und Kunden erleben werden und welchen Beitrag die einzelnen Bereiche dazu leisten.

An dieser Stelle wird deutlich, warum Storytelling im Change so wirksam sein kann. Menschen orientieren sich an Geschichten. Sie brauchen Bilder, Zusammenhänge und Beispiele, um einen abstrakten Wandel emotional und praktisch greifen zu können.

Eine gute Change-Kommunikation gibt deshalb einer Strategie eine tiefere Bedeutung, einen Sinn. Sie übersetzt nüchterne Zahlen in ein attraktives Zukunftsbild und gibt dem Ganzen eine Richtung. Mit diesem Bild im Kopf werden die Beteiligten den Weg zum Ziel sehr viel besser finden als ohne.

Klarheit über Schritte reduziert innere Kosten

Veränderung kostet immer Zeit und Energie. Manchmal müssen wir uns von liebgewonnenen Routinen verabschieden oder gewachsene Teamstrukturen aufgeben. Auch diese Art von Kosten verdient es, offen und ehrlich wahrgenommen zu werden. Sie sollten einen festen Platz in der Change-Kommunikation erhalten.

Besonders anspruchsvoll sind die inneren, emotionalen Kosten. Damit sind Sorgen, Befürchtungen und Fantasien gemeint, die in Veränderungsprozessen entstehen. Verliere ich meine Aufgabe? Werde ich noch gebraucht? Verliere ich Einfluss? Kann ich die neuen Anforderungen erfüllen? Was bedeutet das konkret für meinen Alltag?

Ein Teil dieser Sorgen entsteht, weil Informationen fehlen. Dann füllt der Kopf die Lücken selbst. Häufig mit Szenarien, die größer und bedrohlicher wirken als die tatsächliche Veränderung.

Hier reicht die große Unternehmenskommunikation allein nicht aus. Neben Vollversammlungen, Mails, Präsentationen und Intranet-Beiträgen braucht es das persönliche Gespräch. Die Führungskräfte müssen zuhören, einordnen und Fragen beantworten können. Sie müssen es auch aushalten, dass Menschen verunsichert sind. Genau darin liegt ein wesentlicher Teil ihrer Rolle im Change.

Dialog macht Betroffene zu Beteiligten

Change-Kommunikation funktioniert nicht als Einbahnstraße. Wer nur sendet, erzeugt noch keine Beteiligung. Mitarbeitende brauchen die Möglichkeit, ihre Fragen zu stellen, Rückmeldungen zu geben und ihre Perspektiven einzubringen.

Das heißt nicht, dass jede Entscheidung gemeinsam getroffen werden muss. Es bedeutet, dass Menschen mit ihrer Erfahrung ernst genommen werden. In vielen Organisationen liegt genau dort ein großer Schatz. Mitarbeitende wissen sehr genau, ob und wie die Prozesse funktionieren, wo Reibung entsteht und welche Folgen bestimmte Entscheidungen im Alltag haben.

Dialogformate wie Fishbowls, Workshops, Q&A-Runden oder strukturierte Teamgespräche können helfen, diese Perspektiven sichtbar zu machen. Gleichzeitig entsteht dadurch ein anderes Gefühl im Prozess. Menschen erleben sich weniger als Objekt der Veränderung. Sie werden stärker zu Beteiligten. Wer beteiligt wird, kann sich leichter identifizieren und Verantwortung entwickeln. Wer nur informiert wird, bleibt häufig in der Beobachterrolle.

Führung muss sichtbar und glaubwürdig sein

In Veränderungsprozessen schauen Menschen sehr genau auf ihre Führungskräfte. Stehen sie wirklich hinter dem Wandel? Können sie erklären, worum es geht? Dürfen sie ehrlich sprechen? Oder wirken sie selbst unsicher, ausweichend und nur halb informiert?

Glaubwürdigkeit entsteht also durch sichtbare Führung. Das bedeutet, dass die Führungskräfte früh eingebunden werden müssen. Sie brauchen ausreichend Informationen, Raum für eigene Fragen und Klarheit über ihre Kommunikationsaufgabe. Nur dann können sie Orientierung weitergeben.

Gleichzeitig braucht es emotionale Präsenz. Veränderung ist kein rein sachlicher Vorgang. Sie berührt das Gefühl von Sicherheit, Zugehörigkeit und Vertrauen. Manchmal geht es auch um Status und Kompetenz. Eine Führungskraft, die nur Folien erklärt, erreicht daher oft zu wenig. Eine Führungskraft, die zuhört, die Emotionen ernst nimmt und zugleich Orientierung gibt, kann hingegen Stabilität schaffen.

Gute Change-Kommunikation verbindet fünf Qualitäten

In gelungenen Change-Prozessen zeigen sich immer wieder ähnliche Muster. Die Kommunikation beginnt frühzeitig. Sie erfolgt transparent. Sie eröffnet den Dialog. Sie erzählt eine nachvollziehbare Geschichte. Und sie gibt Raum für Emotionen.

Diese fünf Qualitäten wirken zusammen. Frühzeitigkeit verhindert, dass Gerüchte entstehen und die Runde machen. Transparenz reduziert unnötige Unsicherheit. Dialog schafft Beteiligung. Storytelling macht die Richtung greifbar. Die emotionale Ansprache stärkt das Vertrauen.

In der Praxis lohnt sich es deshalb immer wieder folgende Fragen zu stellen: 

  • Haben wir erklärt, warum der Wandel notwendig ist?
  • Haben wir ein positives Zielbild vermittelt?
  • Sind die nächsten Schritte klar?
  • Haben wir über die Kosten gesprochen?
  • Haben wir den Menschen zugehört und sie ernst genommen?

Die Kommunikation entscheidet über das Vertrauen

In Change-Prozesse ist es nicht notwendig, dass Sie auf jede Frage eine Antwort parat haben. Ein Charakteristikum von Veränderungsprozessen ist ja, dass vieles noch unklar ist. Genau deshalb ist die Kommunikation so wichtig. Sie schafft Transparenz, auch wenn noch nicht alles feststeht. Sie zeigt Haltung, auch wenn Entscheidungen anspruchsvoll sind. Sie hält die Beziehung aufrecht, auch wenn die Veränderungen verunsichern.

Gute Kommunikation im Change bedeutet, die Menschen mit ihrem Informationsbedürfnis und ihren Sorgen ernst zu nehmen. Die meisten sind bereit, Verantwortung zu übernehmen, wenn sie verstehen, wohin die Reise geht. Daraus entsteht die eigentliche Kraft von gelungener Change-Kommunikation. Sie verwandelt Unsicherheit Schritt für Schritt in Beteiligung.

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