Nein, auf das Thema mit den Namen bin ich in einem ganz anderen Zusammenhang gestoßen. Da die Zeiten und die damit verbundenen Neuigkeiten sind, wie sie nun einmal sind, das heißt, dass man von ihnen eigentlich gar nicht wissen will, und die Sportnachrichten allein auch kein abendfüllendes Programm abgeben, habe ich beschlossen, in meinen Mußestunden dem Eskapismus zu frönen. Ich lebe mehr oder weniger im 19. Jahrhundert, was Bücher betrifft. Also im sogenannten „langen“ 19. Jahrhundert, mit einem bisschen späten 18. (Goethe!) und einem kleinen bisschen frühen 20. dabei.
In dieser Zeit, kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende, erschien ein herrlich altmodischer Mantel-und-Degen-Schmarrn, mit eingebauter Love-Story, versteht sich, in dem ein unerschrockener englischer Gentleman, gut aussehend, wie sonst, und reich, was sonst, in den Wirren der Französischen Revolution während der Schreckensherrschaft Robespierres, von der Guillotine bedrohte Aristokraten aus den Fängen der Sansculotten rettete – bevorzugt hinreißende junge Damen, sonst wäre es ja nichts mit der Love-Story. Dieses literarische Kleinod einer Baronesse Orczy, englische Schriftstellerin ungarischer Herkunft, hatte damals einigen Erfolg, wurde, glaube ich, sogar verfilmt. Erschienen ist es unter dem Titel „The Scarlet Pimpernell“. Das haben die Älteren unter Ihnen vielleicht schon mal gehört. Mir fiel das Werk kürzlich in die Hände, und weil ich manchen Dingen (nicht allen, muss ich zugeben) gern auf den Grund gehe, wollte ich wissen, was für eine Blume eigentlich eine „Pimpernell“ ist. Es ist, halten Sie sich fest, „Ackergauchheil“. Können Sie sich vorstellen, dass ein Buch zu Ruhm und Erfolg gekommen wäre unter dem Titel „Der rote Ackergauchheil“? Im Leben nicht! Auch als Film schwerlich vorstellbar. Bei dem Titel hätten sich die Leute kaputtgelacht. Das hätte doch höchstens die merkwürdigen Gestalten gereizt, die „Heil“ immer gut finden und sich für arg blonde Eisklumpen mit Doppelkinn erwärmen.
Durch die Erfahrung mit „Pimpernell“ habe ich begonnen, mit Gedanken über gängige oder nicht so gängige Namen zu machen. Nicht nur der Ackergauchheil hat als Name im Englischen schwer gewonnen. Denken Sie nur mal an „Daisy“, was auch bei uns als Frauenname nicht ganz ungewöhnlich ist. Eine „Daisy“ ist süß, aber wer würde seine Tochter schon „Gänseblümchen“ nennen? Die würde sich wahrscheinlich bedanken, spätestens sobald sie zum siebzehnten Mal dämliche Kommentare über sich ergehen lassen musste. Auch ein „Maiglöckchen“ wird noch niemandem auf einer Party begegnet sein, von „Lily in the valley“ hat es zumindest die „Lily“ häufiger ins Namensregister geschafft. „Poppy“ klingt in unseren Ohren ganz lustig, aber „Mohnblume“ oder gar „Klatschmohn“ wäre gewöhnungsbedürftig. Und auch wenn die Holly Golightly in „Frühstück bei Tiffany’s“ eine wirklich bezaubernde Person und Audrey Hepburn als diese zum Niederknieen ist, als „Stechpalme“ herumlaufen zu müssen, würde kein liebendes Elternpaar seinem Baby antun. „Ivy“ habe ich jetzt schon gelegentlich angetroffen, eine Efeu hingegen ist mir noch keine untergekommen.
Holly und Ivy sind eben wesentlich klangvoller als Stechpalme und Efeu, der Klang schlägt ganz klar die deutsche Übersetzung! Insofern ist in diesem Fall nichts gegen die Anglisierung einzuwenden. Auch wenn sie gelegentlich bei uns absurde Formen annimmt, ich erinnere nur an das beliebte „public viewing“. Aber auch davon will ich an dieser Stelle schweigen. Es muss ja nicht alles – Stammtischbrüder, hergehört! - gesagt sein, was gesagt werden könnte.