Renates Kolumne: Klopp for Kanzler

Was haben wir in diesem Sommer gelernt? 

Da muss ich jetzt erst mal im Gedächtnis kramen. Haben wir etwas gelernt und was war das bloß? Hitze ist erwiesenermaßen schlecht fürs Denken. Ich bin entschuldigt, dazu gibt es wissenschaftliche, durch viele Studien untermauerte Erkenntnisse. In der Folge mehrerer, ineinander übergehender Hitzewellen waren meine Synapsen so verknotet, verklumpt oder zusammengeschmolzen, was weiß ich, dass ich echt zwei und zwei nicht mehr zusammenzählen konnte, ich wusste nur noch, das muss irgendwas zwischen drei und fünf sein. 

Dass das nicht nur mir so ging, merkte man auch an den Umfrageergebnissen zur Parteienzustimmung. Bei der letzten Umfrage, über die ich im Fernsehen gehört habe, Ende Juli, hat ausgerechnet die Partei, die sich als Einzige seit Jahrzehnten für Klimaziele einsetzt, an Zustimmung verloren. Als ich das mitgekriegt habe, war mein Entsetzen so groß, dass mir das Hirn über die Bluse floss und ich ein Bad in einem eisgekühlten Apérol Sprizz nehmen musste. Leider musste ich daraus irgendwann auch wieder auftauchen und jetzt hängt mir eine Orangenscheibe über den Augen. Da wundert es doch keinen, dass meine Wahrnehmung einen orangefarbenen Stich hat.

Oder ist das die angeborene Farbe, die einem gewissen Typen angehört, der im Weißen Haus Goldfinger und Doppel-Null in einer Person gibt? Über den haben wir diesen Sommer jedenfalls auch schon wieder etwas gelernt, was wir nie wissen wollten. Er kann im Prinzip machen, was er will. Er kann lügen, betrügen, sich schamlos selbst bereichern, Menschen totschießen lassen – aber wehe, er lässt eine rote Karte aufheben – da versteht der Mensch keinen Spaß, what too much is, is too much! A wo leewe mer donn, der konn sisch doch net alles erlauwe, horsch emol! Demm ghert doch selwer die root Kart gezeischt!

An diesem Beispiel haben wir gelernt, dass Fußball über alles geht!  Darum erhebe ich hiermit meine Forderung: Klopp for Kanzler! Und da es eine gewisse Wählergruppe gibt, die mit Vorliebe verurteilten Straftätern zu Wahlerfolgen verhilft, habe ich gleich noch einen konstruktiven Vorschlag für Klopp: Uli Hoeneß als Finanzminister zu nominieren, in dem Metier besitzt er doch Expertise. Und Oliver Kahn brächte als Fraktionsvorsitzender, für welche Fraktion auch immer, die nötige Härte mit, die man als Fraktionsvorsitzender scheint’s braucht, um die Mannschaft auf Kurs zu halten. Zur Not zeigt er halt statt einer roten Karte die Zähne und die übrigen Regierungs-Posten vergeben wir aus Paritätsgründen an Anwärterinnen aus der Frauenfußball-Nationalmannschaft. Die sind allesamt mindestens so qualifiziert wie, wie … ach Mist, die Namen habe ich vor lauter Hitze vergessen.

Um beim schönsten Sport der Welt zu bleiben, indem es selbstverständlich nur um Sport geht und um sonst nichts, nichts und wieder nichts: Selbst da haben wir etwas gelernt. Selbst im Fußball scheint die alte Go-Regel wenigstens manchmal zu greifen: Wer alles will, verliert alles! Also nicht, dass Infantino jetzt eine Sozialwohnung beziehen müsste, aber ganz so milliardiös, wie er sich seine Zukunft vorgestellt hat, wird es wohl nicht. Und sein orangefarbener best buddy, der ihn noch kürzlich zum Uno-Generalsekretär erheben wollte, will auch nichts mehr von ihm wissen. Gianni who? Nie gehört! Und wir vergessen ihn hoffentlich auch bald.

Was haben wir noch gelernt? Dass alte Schlager eine ganz erstaunliche neue Aktualität besitzen. Wer ist alt genug, um sich noch an „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ zu erinnern? Können wir jetzt wieder singen, nur mit einem anderen Hintergrund. Wann wird’s mal wieder richtig Sommer, so wie er früher einmal war? Ohne fünf Hitzewellen, sondern mit vernünftigen Temperaturen, ohne verdorrte Felder, Wiesen und Wälder, sondern mit grünen Gräsern und Laub, und höchstens ein bisschen Sonnenbrand statt Waldbrand? Ach, was hatten wir es gut, als der deutsche Sommer noch ein grün angestrichener Winter war, wie Heinrich Heine ätzte. Ich wünsche Ihnen jedenfalls einen schönen Herbst!



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