So kann ich nur sagen, dass, wenn ich der liebe Gott wäre, und ich hätte, als ich gerade dabei war, die Welt zu erschaffen, dank meiner grenzenlosen Gabe der Vorhersehung, erkannt, worauf die Geschichte hinauslaufen würde, ich hätte, in meiner unendlichen Güte und Barmherzigkeit, die Sache abgeblasen. Stattdessen hätte ich aus meinem Handarbeitskorb das letzte Stückchen Glitzergarn rausgezogen und noch ein paar schöne, absolut unbewohnbare Sterne gehäkelt. Die hätte ich dekorativ verteilt und wäre, sehr zufrieden mit mir, ins Bett gegangen. Da ich aber nicht der liebe Gott bin, sondern ein anderer für die Misere verantwortlich ist, kann ich nur sagen: „Sorry Leute, dumm gelaufen!“ Die Zirkusvorstellung, der beizuwohnen wir gerade gezwungen sind und die sich Weltgeschehen nennt, wird von einem irren, bösartigen Clown beherrscht, über den niemand mehr lachen kann.
Irgendwie, wahrscheinlich in meinem unbewussten Drange, mir etwas Gutes zu tun, bin ich auf Goethe gekommen. Mehr durch Zufall hatte ich angefangen, die „Italienische Reise“ zu lesen und bin gar nicht mehr davon weggekommen, so schön fand ich das. Das hat mich sehr angespornt, mir noch mehr von ihm zu gönnen. Nicht, dass ich alles verstanden hätte – „Faust 2“ hat mich zwar fasziniert, aber doch auch an vielen Stellen einigermaßen ratlos gelassen. Was ich hingegen aus ganzem Herzen empfehlen kann, ist die Lektüre des „Egmont“. Unglaublich, wie Goethe da vor mehr als zweihundert Jahren die Installation eines, wie wir heute sagen würden, faschistoiden Systems in eine Gesellschaft beschreibt. Und wie er verstanden hat, das im Rahmen eines Theaterstücks zu tun, das ist so beeindruckend, dass mir die Worte dafür fehlen. Meine Hochachtung vor Goethe, die mich seit Schultagen begleitet, ist nochmal enorm gewachsen.
Zum Abschluss der Goethe-Verehrung noch etwas Kurioses. Ich lese nach einem Zeitraum von dreißig, vierzig Jahren mit großem Vergnügen wieder Eckermanns Gespräche mit Goethe. Da habe ich unter dem Datum 2. April 1829 folgendes gefunden:
Eckermann: „…Eure Exzellenz sollten Ihr Schema ausführen und das Kapitel von den Influenzen schreiben; der Gegenstand ist wichtiger und reicher, je mehr man darüber nachdenkt.“ „Es ist nur zu reich“, sagte Goethe, „denn am Ende ist alles Influenz, insofern wir es nicht selber sind.“
„Man hat nur darauf zu sehen“, sagte ich, „ob eine Influenz hinderlich oder förderlich, ob sie unserer Natur angemessen und begünstigend oder ob sie ihr zuwider ist.“
„Das ist es freilich,“ sagte Goethe, „worauf es ankommt; aber das ist eben auch das Schwere, dass unsere bessere Natur sich kräftig durchhalte und den Dämonen nicht mehr Gewalt einräume als billig.“
Welch ein Weitblick! Mit unserer besseren Natur ist es leider nicht sehr weit her. Und das Influencer-Unwesen treibt deshalb die unglaublichsten Blüten!
Unglaubliche Blüten treibt aber auch das Deutsche, was einen manchmal verwundert die Augen reiben lässt. In der Zeitung habe ich die wunderbare „Verschlagwortung“ gefunden, die soll das Phänomen beschreiben, dass Ausdrücke aufgebauscht werden und als Etikett irgendwo draufgeklebt werden, wo sie nichts zu suchen haben. In welchem Zusammenhang ich über die „Verhausschweinung“ gestolpert bin, weiß ich nicht mehr, wage aber die Vermutung, es könnte mit unseren Ernährungsgewohnheiten zu tun haben. Ob der gute Goethe sich ob dieser Verphrasendreschung, oder sollte es besser Phrasenverdreschung heißen?, im Grabe umdreht bis ihm schwindelig wird? Verdreschen würde man jedenfalls auch gern mal kurz diejenigen, die so gern von „unwahren Tatsachen“ sprechen. In der Zeitung wurde das aus einem juristischen Schriftstück zitiert, ich habe es mit eigenen Augen gesehen, und dabei sollten doch die Juristen eigentlich besonders skrupulös mit Sprache umgehen. Eine unwahre Tatsache ist so einleuchtend wie ein schwarzer Schimmel.
Naja, was soll’s, Sprache ist eben geduldig und erträgt es sogar, dass in einer fränkischen Bäckerei „Schrippensemmeln“ verkauft werden, wo es doch eigentlich „Schrippensemmelbrötchen“, noch eigentlicher sogar „Schrippensemmelbrötchenwecken“ heißen müsste. Geschmeckt haben sie trotzdem – auch wenn ich versehentlich Sippenschremmeln verlangt habe.