Dann wechselt die Führungskraft die Blickrichtung: „Was hat diese Woche trotz allem funktioniert?“ Nach kurzem Nachdenken kommen die ersten Antworten. Hier wurde in einem Projekt ein Konflikt gelöst. Dort hat die eigenständige Entscheidung zu einem besseren Ergebnis geführt. Plötzlich verändert sich die Dynamik im Raum. Der Blick richtet sich nach vorn und erste konstruktive Vorschläge zur Lösung vorhandener Probleme entstehen. Die Energie im Raum fühlt sich wieder nach „Schaffenskraft“ an.
Führung unter neuen Bedingungen
Führung findet heute unter besonderen Rahmenbedingungen statt. Märkte verändern sich rasant. Digitalisierung und KI erhöhen die Komplexität. Gleichzeitig steigen die Erwartungen der Mitarbeitenden. Sie wollen beteiligt werden, Verantwortung übernehmen und in einem wertschätzenden Umfeld arbeiten.
In vielen Organisationen dominiert jedoch weiterhin eine problemorientierte Führungslogik. Wenn etwas nicht funktioniert, wird analysiert. Ursachen werden gesucht. Verantwortlichkeiten geklärt. Dieses Vorgehen hat seine Berechtigung. Doch in vielen Alltagssituationen führt es nicht weiter. Teams verharren in Problembeschreibungen und bleiben stecken. Der Solution-Focused-Ansatz setzt an einer anderen Stelle an.
Einseitige Problemorientierung blockiert
Verstehen Sie uns bitte richtig: Probleme zu verstehen ist wichtig. Gerade bei strukturellen oder sicherheitsrelevanten Themen braucht es eine verlässliche Analyse. Doch eine dauerhafte Fokussierung auf Defizite provoziert Rechtfertigungen und führt zu Frustration. Handlungsspielräume werden sukzessive kleiner.
Führungskräfte erleben das häufig als mangelnde Eigenverantwortung oder Widerstand. Tatsächlich ist es oft die Folge der Gesprächsführung. Wer immer wieder nach Fehlern fragt, trainiert genau diese Wahrnehmung.
Solution-Focus weitet den Blick
Der Solution Focus wurde in den späten 1970er Jahren von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg entwickelt. Er stammt aus der systemischen Therapie und wird heute weltweit in Organisationen eingesetzt. Im Kern geht es um eine bewusste Verschiebung der Aufmerksamkeit. Nicht das Problem steht mehr im Mittelpunkt, sondern die gewünschte Zukunft und die vorhandenen Ressourcen.
Drei Fragen sind dabei zentral:
- Wo wollen wir hin?
- Was funktioniert bereits?
- Was ist der nächste kleine Schritt?
Durch die Veränderung der Blickrichtung nach vorne statt zurück, wird es möglich in Optionen und Entwicklung zu denken.
Zukunftsbilder zeigen Potenziale auf
Ein wesentliches Element im Solution Focus ist die Entwicklung eines klaren Zielbildes. Wie sieht die Situation aus, wenn das Problem gelöst ist? Woran erkennen wir dann, dass das Problem gelöst ist? Wie arbeiten oder kommunizieren wir dann?
Dieses Zukunftsbild zeigt die Richtung, in die sich die Dinge entwickeln sollen und macht sie dadurch handhabbar. Erst im zweiten Schritt richtet sich der Blick zurück. Allerdings fokussieren wir dabei nicht auf die Fehler, sondern auf die Situationen, in denen es – ausnahmsweise – schon mal funktioniert hat. Wo hat das Team bereits Eigeninitiative gezeigt? Welche Kompetenzen wurden damals genutzt? Was war anders als in der Problemsituation? Diese Fragen machen Ressourcen sichtbar, die im Alltag oft als selbstverständlich abgetan oder gar übersehen werden.
Kleine Schritte mit großer Wirkung
Diese Veränderung wirkt häufig überraschend schnell und manchmal sogar überfordernd. Der Weg vom Status quo zur gewünschten Zukunft erscheint zu groß. Der Solution Focus arbeitet deshalb bewusst mit kleinen, realistischen Schritten. Was ist der nächste machbare Schritt? Es braucht nicht den ganz großen Wurf. Die Umsetzung eines nächsten kleinen Schrittes reicht. Diese Herangehensweise erhöht die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Und sie zeigt Wirkung, weil viele kleine Schritte in Summe große Veränderungen ermöglichen.
Solution Focus stärkt die Resilienz von Individuen und Teams
Je öfter Sie Ihre Gespräche auf diese lösungsorientierte Art führen, wird das die Kultur in Ihrem Team verändern. Mitarbeitende erleben sich als kompetent und sehen, dass sie einen relevanten Beitrag leisten. Damit stärken Sie das Selbstvertrauen und der Umgang mit Fehlern wird konstruktiver.
Auch neurologisch ist das sinnvoll. Wer den Fokus auf gelungene Erfahrungen und vorhandene Stärken richtet, aktiviert andere neuronale Netzwerke als bei defizitorientiertem Denken. Diese Netzwerke unterstützen kreatives Problemlösen und erhöhen die psychologische Flexibilität. Untersuchungen zu Hochleistungsteams zeigen genau das. Erfolgreiche Teams unterscheiden sich weniger durch Fachkompetenz als durch ihren Umgang miteinander. Sie sprechen anders. Sie fragen anders. Sie denken lösungsorientiert.
Solution Focus im Führungsalltag verankern
Für Führungskräfte beginnt die Umsetzung mit der Veränderung der eigenen Kommunikation. Statt ausschließlich danach zu fragen, was schiefgelaufen ist, lohnt sich der bewusste Perspektivwechsel:
- Was ist gut gelaufen?
- Warum hat es funktioniert?
- Welche Fähigkeiten wurden eingesetzt?
- Wie können wir das für aktuelle Herausforderungen nutzen?
Diese Art der Gesprächsführung braucht Konsequenz. Mitarbeitende sind problemorientierte Fragen gewohnt. Anfangs werden sie irritiert reagieren. Diese Herangehensweise sind sie nicht gewohnt. Erst durch die regelmäßige Wiederholung entsteht eine neue Selbstverständlichkeit.
Nutzen Sie bewusst wertschätzendes Feedback, machen Sie Erfolge sichtbar, sprechen Sie beobachtbare Fortschritte an und spiegeln Sie aktiv wertvolle Kompetenzen. So entsteht eine Kultur, in der Lernen und Entwicklung möglich werden.
Führung an der Zukunft ausrichten
Der Solution-Focused-Ansatz soll die sorgfältige Analyse keinesfalls ersetzen. Er spielt jedoch eine zentrale Rolle dort, wo Entwicklung gefragt ist. Er unterstützt Führungskräfte dabei, Verantwortung zu teilen, Resilienz zu stärken und die Kultur aktiv zu gestalten. Führung wirkt dort am stärksten, wo sie den Blick nach vorn öffnet und Zukunft möglich macht.
Wenn Sie mehr Impulse für Führungskräfte, Business-Talk, Management-Input und Gedanken, die Unternehmen für die Zukunft stärken, möchten, dann hören Sie gerne in den Business-Podcast von Alice Dehner rein.