Manchmal ist Souveränität einfach da. Ein schwieriges Gespräch steht an, kritische Fragen kommen auf, der Druck steigt und trotzdem bleibt der Kopf klar. Die Gedanken folgen mühelos dem Gespräch. Argumente werden ruhig vorgetragen und Sie spüren förmlich, die eigene Kompetenz.
Und dann gibt es diese anderen Situationen. Eine einzige Nachfrage reicht und innerlich kommen Sie ins Rudern. Im Bauch zieht sich etwas zusammen. Sie hören die leichte Unsicherheit in Ihrer eigenen Stimme. Die Gedanken fangen an zu kreisen. Dabei wissen Sie die Antwort. Sie haben genügend Erfahrung, um kompetent darauf zu antworten. Dennoch bleibt Ihnen der Zugriff darauf in diesem Moment verwehrt.
Was passiert hier? Eine mögliche Antwort liegt im Embodiment. Gemeint ist damit der Zusammenhang zwischen Körper, Emotionen, Denken und Handeln. Wir tragen einerseits unsere innere Verfassung durch unseren Körper nach außen. Für andere wird dies am Gesichtsausdruck und der Haltung „ablesbar“. Zugleich wirkt der Körper auch auf unsere innere Verfassung zurück. Dieses Zusammenspiel stellt eine häufig unterschätzte Ressource für schwierige Führungs- und Kommunikationssituationen dar.
Der Körper spielt mit
Die meisten kennen das Phänomen aus dem Alltag. Wer traurig ist, lässt die Schultern sinken, der Blick geht nach unten und der Körper fühlt sich irgendwie schwerer an. Spannend wird es, wenn wir das einmal umgekehrt betrachten. Wenn ich eine solche Haltung einnehme, kann es sein, dass auf einmal Traurigkeit aufsteigt, obwohl es keinen konkreten Anlass gibt.
Das gleiche Prinzip zeigt sich auch bei positiven Emotionen. Stolz, Zuversicht oder innere Stärke brauchen eine körperliche Form, in der sie entstehen können. In einer zusammengesunkenen Haltung ist es deutlich schwerer, Stolz wirklich zu empfinden. Eine aufrechte, offene Haltung macht ihn zugänglicher.
Das heißt, dass die Körperhaltung einerseits die innere Haltung zum Ausdruck bringt. Andererseits ist sie auch ein Zugang zu unserer inneren Haltung. Für den Businesskontext ist das bedeutsam, weil wir unseren Körper ja in jedes Gespräch, jede Verhandlung, jede Präsentation und in jede Führungssituation mitbringen. Aus dem Zusammenspiel von Körperspannung, Atmung, Stand und Blick entsteht unsere Präsenz. Und Präsenz beeinflusst, wie gut wir auf unsere Ressourcen zugreifen können.
Haltung beeinflusst Durchhaltevermögen
Embodiment betrifft nicht nur die Emotionen. Es wirkt auch auf die Selbstwirksamkeit, die Frustrationstoleranz und das Durchhaltevermögen. Ein Experiment mit Studierenden macht diesen Zusammenhang anschaulich. Eine Gruppe wurde vor einer Aufgabe für einige Minuten in eine spannungslose, zusammengesunkene Körperhaltung gebracht. Eine zweite Gruppe saß aufrecht, präsent und mit mehr Körperspannung. Zusätzlich gab es eine Kontrollgruppe. Danach bekamen alle eine unlösbare Aufgabe.
Am schnellsten gab die Gruppe auf, die zuvor in der spannungslosen Haltung gewesen war. Danach folgte die Kontrollgruppe. Am längsten blieb die Gruppe dran, die zuvor aufrecht und präsent gesessen hatte. Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Dauer. Die erste Gruppe gab nicht auf, weil sie die Aufgabe als unlösbar erkannt hatte. Sie traute sich selbst weniger zu, die Lösung zu finden.
Daraus folgt ein wichtiger Gedanke für Führungskräfte. Unsere Körperhaltung kann beeinflussen, ob wir an unsere eigene Wirksamkeit glauben. Sie kann den inneren Zugang zu „Ich schaffe das“ öffnen oder erschweren.
Gerade in anspruchsvollen Gesprächen spielt das eine wichtige Rolle. Wer innerlich in die Defensive geht, zeigt das häufig auch körperlich. Diese körperliche Defensive wirkt anschließend zurück auf das Denken, Fühlen und Handeln. So kann ein Kreislauf entstehen, der fachliche Kompetenz überlagert.
„Fake it till you make it“ als Trainingsprinzip
Der Satz „Fake it till you make it“ klingt im ersten Moment nach Schauspielerei. Im Embodiment bekommt er eine andere Bedeutung. Es geht nicht darum, unecht zu wirken. Es geht vielmehr darum, einen körperlichen Zugang zu Ressourcen zu schaffen, die bereits vorhanden sind. Souveränität, Klarheit, Mut oder Durchsetzungsfähigkeit müssen nicht neu erfunden werden. Oft brauchen sie nur eine Form, in der sie abrufbar werden.
Ich erinnere mich an eine Dame aus dem Coaching. Sie hatte eine hohe Position im Unternehmen inne und machte ihren Job fachlich völlig souverän. Doch sobald eine Person den Raum betrat, die hierarchisch höhergestellt war als sie, verlor sie genau diese Souveränität. Inhaltlich hatte sie viel beizutragen, doch konnte sie in ihrer Wirkung damit nicht punkten.
Im Coaching zeigte sich, dass sie ein großer Opern-Fan war. Daraus entwickelten wir ein Bild speziell für diese Situation. Wir stellten uns vor, sie sei eine Operndiva. Im Rollenspiel betrat sie als Operndiva den Raum. Plötzlich veränderte sich ihre komplette Haltung. Der Körper wurde präsenter, sie nahm den Raum ein. Ihre Kommunikation wurde mit einem Mal klar und auf den Punkt. Mit dieser körperlichen Rolle wurde ein innerer Zustand zugänglich, der vorher für sie blockiert war.
So wurde dieses Bild zu einer Brücke zu einem souveräneren Auftreten.
Innere Bilder in den Körper holen
Innere Bilder können also helfen, eine gewünschte Präsenz körperlich erlebbar zu machen. Für manche ist es die Operndiva, für andere ein ruhiger Kapitän, eine Bergführerin, ein erfahrener Verhandler oder eine Person, die kraftvoll und gelassen für etwas einsteht.
Wichtig ist, dass das Bild zur gesuchten Ressource passt. Welche Qualität wird gebraucht? Ruhe, Klarheit, Durchsetzungsvermögen, Offenheit oder Standfestigkeit? Sobald dieses Bild gefunden ist, können Sie es direkt ausprobieren. Stellen Sie sich die Person vor und nehmen Sie körperlich die entsprechende Haltung ein. Wie verändert sich Ihr Stand? Wie richtet sich der Blick aus? Wie verändert sich die Atmung? Wie klingt die Stimme?
In der Praxis zeigt sich, dass andere neuronale Netzwerke aktiviert werden, sobald der Körper eine neue Haltung einnimmt. Je öfter wir das tun, desto vertrauter wird dieser neue, andere Zustand. Aus einem bewussten „So tun als ob“ wird allmählich ein echterer „Zugriff“ auf die gewünschte innere Haltung. Die Gefühle ziehen nach, die Gedanken ordnen sich neu und Ihre Handlungen werden klarer.
Präsenz ist trainierbar
Embodiment erinnert daran, dass Souveränität nicht nur im Kopf entsteht. Sie entsteht im Zusammenspiel von Körper, Gefühl, Denken und Verhalten. Gerade Führungskräfte profitieren davon, diesen Zusammenhang ernst zu nehmen.
Vor oder während schwieriger Gespräche kann ein kurzer Moment der körperlichen Ausrichtung helfen. Aufrichten. Stand spüren. Atmen. Den Blick heben. Ein passendes inneres Bild aktivieren.
Laden Sie Ihr eigenes System ein, Ihrem Körper zu folgen und Ihre bereits vorhandenen Ressourcen zu aktivieren. Vielleicht ist genau das die Form von „Fake it till you make it“, die Ihre innere Kompetenz sichtbar und spürbar werden lässt.
Wenn mehr Impulse für Führungskräfte, Business-Talk, Management-Input und Gedanken gefragt sind, die Unternehmen für die Zukunft stärken, lohnt sich ein Blick in unseren Business-Podcast.