Wenn Nicht-Entscheidung zur Entscheidung wird
In Coachings erlebe ich immer wieder, wie Führungskräfte unbewusst in eine Art Entscheidungslähmung geraten. Eine Coachee erzählte mir kürzlich, dass ihr gesamtes Team blockiert sei, weil ihre Vorgesetzte keine Entscheidungen treffe. Die Folgen: Projekte stocken, Motivation sinkt, Frust wächst. Nichts wird abgeschlossen, weil niemand weiß, in welche Richtung es gehen soll. Und während alle auf ein Signal von oben warten, wächst der Berg an offenen Themen, bis er unüberwindbar scheint. Das Tragische daran: Auch Nicht-Entscheidungen sind Entscheidungen. Nur eben selten gute. Denn sie zementieren den Status quo, überlassen Dynamiken dem Zufall und erzeugen Orientierungslosigkeit.
Was sind Entscheidungen und warum fallen sie uns manchmal so schwer?
Eine Entscheidung ist im Kern eine Wahl zwischen mehreren Optionen. Sie betrifft immer die Zukunft, und genau das macht sie so schwer. Denn die Zukunft ist unsicher, vor allem aktuell. Wir können nicht wissen, welche Option richtig ist. Und so warten wir auf den Moment, in dem wir uns sicher fühlen. Auf den perfekten Zeitpunkt. Auf die perfekte Lösung. Nur: Sie kommt selten. Unsere Gehirne sind auf Effizienz getrimmt. Statt jede Option rational durchzurechnen, nutzen wir sogenannte Heuristiken: mentale Abkürzungen, die uns helfen, schnell zu urteilen. Drei dieser Denkmuster spielen in Entscheidungsprozessen eine große Rolle:
- Die Verankerungsheuristik: Wenn wir keine klare Referenz haben, setzen wir unbewusst einen Anker. Wir orientieren uns an etwas Bekanntem – einer Zahl, einer Erfahrung, einem Vergleich – und leiten daraus ab, was vernünftig scheint. Doch oft ist dieser Anker zufällig und führt uns in die Irre.
- Die Verfügbarkeitsheuristik: Wir bewerten Risiken oder Chancen danach, wie leicht uns Beispiele einfallen. Wer von vielen Krankheitsfällen hört, schätzt das Risiko einer Erkrankung unabhängig von der Statistik höher ein. Das beeinflusst, welche Optionen wir für wahrscheinlich oder gefährlich halten.
- Die Repräsentativitätsheuristik: Wir beurteilen Dinge nach Ähnlichkeiten zu vertrauten Mustern. Wenn jemand groß ist, halten wir ihn auch ohne Beweise schneller für einen Basketballspieler. In Entscheidungen bedeutet das: Wir folgen oft unseren Klischees statt den Fakten.
Diese Heuristiken sind nicht grundsätzlich schlecht, verstehen Sie mich nicht falsch. Sie sind notwendig, um in einer komplexen Welt überhaupt handlungsfähig zu bleiben. Gefährlich wird es jedoch, wenn wir uns ihrer Einflüsse nicht bewusst sind.
Schon mal vor der Angst vor dem falschen Schritt gelähmt gewesen?
Der eigentliche Grund, warum Entscheidungen so schwerfallen, liegt jedoch tiefer: Jede Entscheidung bedeutet, sich festzulegen. Wer sich für eine Option entscheidet, sagt automatisch „Nein“ zu allen anderen. Und genau das fällt vielen schwer, aus Angst, etwas zu verpassen, Fehler zu machen oder kritisiert zu werden. Hinzu kommt: Verluste wiegen psychologisch schwerer als Gewinne. Wenn wir uns gegen eine Möglichkeit entscheiden, fühlen sich die entgangenen Chancen oft schmerzlicher an als der Gewinn der gewählten Option. So entsteht die Illusion, man könne mit „Nicht-Entscheiden“ Verluste vermeiden. In Wahrheit potenziert man sie.
Ohne Emotionen keine Entscheidung
Interessanterweise sind es gerade unsere Emotionen, die uns helfen, zu entscheiden. Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio dokumentierte den Fall eines Mannes, der nach einer Gehirnoperation keine Emotionen mehr empfinden konnte. Rational war er völlig klar, aber unfähig, auch nur die kleinste Entscheidung zu treffen. Selbst die Wahl zwischen einem blauen und einem schwarzen Stift überforderte ihn. Das zeigt: Emotionen sind integraler Bestandteil rationaler Entscheidungsprozesse. Sie helfen uns, Relevanz zu erkennen, Prioritäten zu setzen und handlungsfähig zu bleiben. Gerade in komplexen oder stressigen Situationen ist es daher sinnvoll, dem Bauchgefühl eine Stimme zu geben, ohne den Kopf ganz auszuschalten.
Führung braucht Entscheidungskraft
Eine schlechte Entscheidung ist meist besser als gar keine. Denn Entscheidungen schaffen Orientierung, Klarheit und Dynamik. Führungskräfte, die mutig entscheiden, geben ihren Teams Halt, selbst, wenn nicht jede Entscheidung perfekt ist. Sie signalisieren Verantwortung, fördern Vertrauen und ermöglichen Fortschritt. Natürlich sollten Mitarbeitende in ihrem Verantwortungsbereich selbst entscheiden dürfen. Doch es gibt Entscheidungen, die ausschließlich in die Hand der Führung gehören: strategische Weichenstellungen, Prioritäten, Ressourcenverteilungen. Wer diese meidet, riskiert, dass Motivation und Produktivität im Team sinken und das Unternehmen an Schlagkraft verliert.
Entscheidungen sind also mehr als nur rationale Akte. Sie sind Führungshandlungen. Und sie zeigen, ob jemand bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Wer darauf wartet, die perfekte Entscheidung zu treffen, wird am Ende meist gar keine treffen und damit die schlechteste aller Entscheidungen fällen.
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