Der Körper transportiert doch nur unser Gehirn, oder? Gerade im beruflichen Kontext behandeln wir den Körper oft wie eine Art Transportmittel für den Kopf. Denken, Entscheiden, Führen, Verhandeln, Kommunizieren; all das verorten wir im Verstand und damit im Gehirn. Der Körper ist dann vor allem dafür zuständig, pünktlich im Meetingraum zu sitzen, am Schreibtisch durchzuhalten und in stressigen Phasen möglichst reibungslos zu funktionieren.
Tatsächlich ist unser Körper wesentlich stärker an unserem Denken, Fühlen und Handeln beteiligt, als wir im Alltag oft wahrnehmen. Unsere Körperhaltung beeinflusst unsere Emotionen. Unsere Muskelspannung verändert den Zugang zu unseren Ressourcen. Die Atmung wirkt auf unser Stresserleben. Wer also in schwierigen Situationen handlungsfähiger werden möchte, kann über den Körper manchmal schneller Zugang zu innerer Stabilität finden als über reine gedankliche Analyse. Und genau darum geht es, wenn wir über Embodiment sprechen.
Was Embodiment bedeutet
Embodiment beschreibt die enge Wechselwirkung zwischen Körper, Emotionen und Kognition. Was wir denken und fühlen, zeigt sich auch im Körper. Umgekehrt kann auch das, was im Körper geschieht, unser Denken und Fühlen beeinflussen.
Lange Zeit war unsere westliche Vorstellung stark vom Satz „Ich denke, also bin ich“ geprägt. Häufig wurde daraus die Idee abgeleitet, dass vor allem der Verstand den Menschen ausmacht. Der Körper rückte dadurch in den Hintergrund. Heute wächst die Offenheit dafür, den Menschen wieder gesamtheitlicher zu betrachten.
Das lässt sich im Alltag gut beobachten. Wenn wir ausgeschlafen, gesund und körperlich präsent sind, fühlen sich Herausforderungen oft handhabbarer an. Schwierige Gespräche wirken weniger bedrohlich. Entscheidungen zu treffen, fällt leichter. Kreative Lösungen entstehen schneller. Fehlen jedoch Schlaf, Bewegung oder eine ausgewogene Ernährung, verändert sich auch die mentale Lage. Fokussiertes Denken fällt schwerer, die Reizbarkeit steigt und das Gefühl von Überforderung bricht schneller durch.
Embodiment macht diesen Zusammenhang praktisch nutzbar. Es geht darum, über den Körper wieder Zugang zu Ressourcen zu bekommen, die innerlich vorhanden und in Drucksituationen manchmal blockiert sind.
Wenn der Körper auf dominantes Verhalten reagiert
Ein Beispiel aus dem Coaching zeigt diesen Zusammenhang sehr konkret. Ein Journalist musste nach vielen Jahren redaktioneller Schreibtischarbeit wieder häufiger Interviews führen. Seine Gesprächspartner waren hochrangige, dominante Persönlichkeiten. Inhaltlich war der Journalist hervorragend vorbereitet. Er wusste, welche Fragen wichtig waren. Er wusste auch, an welchen Stellen er nachhaken musste.
In der konkreten Situation geschah dennoch etwas anderes. Je dominanter sein Gegenüber auftrat, desto schneller geriet er in die Defensive. Brisante Fragen blieben unausgesprochen. Das Wissen war zwar da, doch blieb der Zugriff darauf in der entscheidenden Situation blockiert.
Es ging also nicht um seine Interviewtechnik oder darum, dass er schlecht vorbereitet gewesen wäre. Es ging um den körperlichen Zustand, der in dem Moment entstand, in dem der Journalist mit dem raumgreifenden Verhalten seines Gegenübers konfrontiert wurde.
Bei genauerer Betrachtung wurde deutlich, dass sich die Körperhaltung veränderte, sobald das Gegenüber offensiver wurde. Die Fersen gingen leicht nach oben. Der Körper wurde starrer und machte sich „klein“. Die eigene Souveränität zog sich gewissermaßen körperlich zurück.
Angst aktiviert Beuger
Was hier passierte, illustriert ein zentrales Prinzip des Körpers, denn Angst aktiviert Beuger. Die Beugemuskulatur ist jene Muskulatur, die uns kleiner und runder macht. Wer sich stark zusammenzieht, den Kopf einzieht, die Arme näher zum Körper bringt und die Beine anzieht, aktiviert genau diese Muskulatur. In extremer Form erinnert diese Haltung an eine Schutzposition.
In unsicheren oder bedrohlich erlebten Situationen geschieht etwas Ähnliches oft in deutlich kleineren Bewegungen. Die Schultern ziehen sich leicht nach vorn. Die Atmung wird flacher. Die Füße lösen sich vom Boden. Der Körper geht förmlich in Rückzug.
Das ist wichtig zu wissen, weil diese Haltung auch auf die innere Verfassung zurückwirkt. Wenn der Körper kleiner wird, wird häufig auch der eigene Handlungsspielraum als kleiner erlebt. Gedanken werden eingeengter, Ideen versiegen und mutige Fragen zu stellen, fällt dann schwerer. Die Person weiß weiterhin, was sie kann. Sie spürt es in diesem Moment nur weniger.
Körperhaltung als Zugang zu Ressourcen
Für Führungskräfte, Verhandlerinnen, Moderatoren oder generell für alle, die anspruchsvolle Gespräche führen, ist diese Beobachtung hoch relevant. Viele versuchen in Drucksituationen, sich gedanklich zu beruhigen. Das kann funktionieren. In akuten Momenten ist der Zugang zur Kognition jedoch oft eingeschränkt. Dann bietet der Weg über den Körper einen schnelleren und vor allem einfacheren Zugang.
Im Coaching mit dem Journalisten wurde deshalb mit zwei unterschiedlichen Zuständen gearbeitet. Zunächst ging es um die Frage: Wie fühlt sich eine Haltung an, in der innere Sicherheit, Standfestigkeit und Souveränität verfügbar sind?
Diese Haltung wurde im Stehen und im Sitzen erkundet. Wie stehen die Füße? Wie ist der Kontakt zum Boden? Wie aufgerichtet ist der Oberkörper? Wie frei ist die Atmung? Wie viel Spannung ist hilfreich, damit Präsenz entsteht?
Anschließend wurde die unsichere Haltung bewusst wahrgenommen. Wo beginnt der Körper, sich kleiner zu machen? Was passiert, wenn sich die Fersen heben? Wann entsteht Starrheit? Wann geht der Kontakt zu den eigenen Ressourcen verloren?
Durch diese Gegenüberstellung entstand ein feineres Körperbewusstsein. Der Journalist konnte im Rollenspiel früher wahrnehmen, wann die Beugemuskulatur aktiviert wurde. Genau in diesem Moment konnte er bewusst gegensteuern. Er fand zurück in eine Haltung, in der er sich stabiler, präsenter und innerlich klarer fühlte.
Die Wirkung war im Gespräch unmittelbar zu spüren. Kaum veränderte er die Körperhaltung, kamen andere Fragen. Es entstanden neue Reaktionsmöglichkeiten und der Journalist konnte offensiver bleiben, ohne aggressiv zu werden. Er hatte wieder Zugriff auf das, was inhaltlich längst vorhanden war.
Embodiment im Alltag
Dieses Wissen können wir uns in Alltagssituationen direkt zu Nutze machen. Schon wenige Fragen können helfen, in Meetings, herausfordernden Gesprächen oder in Verhandlungen souveräner aufzutreten:
- Wie sitze oder stehe ich gerade?
- Habe ich festen Kontakt zum Boden?
- Ist meine Atmung frei oder flach?
- Ziehe ich mich körperlich zusammen?
- Welche Haltung kenne ich von mir, wenn ich klar, sicher und souverän bin?
- Wie kann ich diese Haltung jetzt ein Stück weit einnehmen?
Diese Fragen sind eine Einladung, früher zu bemerken, was im Körper geschieht und dass unsere innere Haltung nicht ausschließlich im Kopf entsteht. Sie wird körperlich mitgeformt. Wer sich in schwierigen Situationen stabiler aufrichtet, den Boden bewusster spürt und den Körper in eine aufrechte, offene Haltung bringt, kann häufig auch innerlich wieder mehr Weite erleben.
Ich glaube, darin liegt die eigentliche Stärke von Embodiment. Es macht Selbstführung konkreter. Es zeigt, dass Souveränität nicht nur eine innere Entscheidung ist. Sie ist auch eine körperliche Erfahrung.
Wenn Sie mehr Impulse für Führungskräfte, Business-Talk, Management-Input und Gedanken, die Unternehmen für die Zukunft stärken, möchten, dann hören Sie gerne in den Business-Podcast von Alice Dehner rein.