Renates Kolumne: Der Staatsschutz, die Platanen und der Drei-Tage-Bart

Es sind seltsame Zeiten, und in solchen kann man gar nicht achtsam genug sein.

Rücksicht nehmen, Abstand halten, aufeinander achtgeben – alles sehr löbliche, wichtige Dinge.

Aber die Achtsamkeit unserer Behörden hier im beschaulichen Konstanz schießt irgendwie vielleicht doch ein wenig über’s Ziel hinaus. Letzte Woche wurde nämlich an unserer Uferpromenade ein geradezu unerhörtes Zeichen von Insubordination an den Tag gelegt, das hat die Polizei doch sofort an den Staatsschutz weitergeleitet, damit der mal gründlich ermittelt.

Man stelle sich einmal folgenden Skandal vor: Da haben irgendwelche gefährlichen Desperados ein paar Papp-Plakate in die Platanen der Seestraße gehängt. Auf diesen Plakaten standen unter anderem folgende umstürzlerischen Parolen zu lesen: „Klatschen bezahlt keine Miete“, „Corona: Frauen tragen die Gesellschaft“ oder auch „One world, one climate“.

Diese subversiven Botschaften wurden von der Polizei selbstverständlich sofort entfernt und der Tatbestand wurde, wie gesagt, unverzüglich an den Staatsschutz in Rottweil weitergeleitet. Die haben ja auch sonst nichts zu tun, jetzt, da die AfD in Selbstauflösung begriffen ist und alle Rechten sowieso harmlose Kerle sind. Was sind schon Antisemitismus oder Angriffe gegen Asylantenheime gegen die Leiden einer zarten, wehrlosen Platane! Das man Bindfäden benutzt hat, denn Drähte hätten womöglich die Äste beschädigt, und das wollte man nicht riskieren, fällt hier doch gar nicht ins Gewicht.

Wenn Sie jetzt glauben, in Konstanz gehen die Uhren anders und manche ticken nicht richtig: Sie haben vollkommen Recht! Sie wollen noch ein Beispiel? Aber sehr gern! Sie brauchen nur den Blog www.alteschachteln.online anklicken und den Beitrag „Der Spatz in der Hand“ lesen. Wenn Sie meine dort beschriebene Leidensgeschichte nicht ergreifend finden, müssen Sie ein Herz aus Stein haben.

Nach diesem Erlebnis konnte ich nur sagen: Ich verstehe rein gar nichts mehr! Mein bisschen Verstand ist mit seinem Latein am Ende!

Lassen wir es dabei, ich rege mich sonst nur auf und wenn ich anfange zu schimpfen, das wollen Sie nicht erleben – ist echt nicht schön. Eine gepflegte ältere Dame mit Schaum vor dem Mund, das ist sowas von degueulasse! Also kein schöner Anblick.

A propos Anblick und wo wir jetzt schon mal so nett beim Thema sind: Ich bin ein ganz strenger Verfechter der Maxime, dass man Männer nicht ausschließlich nach ihrem Äußeren beurteilen darf. Männer auf ihr Aussehen zu reduzieren ist ein sexistischer Akt, ohne jede Frage. Aber Jungs, wenn ihr älter als fünfundzwanzig seid, seht ihr mit Drei-Tage-Bart schlicht und ergreifend aus wie das männliche Pendant zu Donatella Versace, der hochblond gefärbten Gundel Gaukeley der internationalen Modewelt. Das wollt ihr nicht wirklich, oder? Also entscheidet euch, ganz oder gar nicht! Aber nicht dieses mitten dazwischen. Lasst euch das gesagt sein von einer Frau, die so alt ist, dass sie inzwischen sogar gelernt hat, das häufig gehörte: „Sie sehen aber gut aus für Ihr Alter!“ als Kompliment zu akzeptieren. Ich habe einen unbestechlichen Blick, also tut euch selbst etwas Gutes und glaubt mir! Wann, wenn nicht jetzt, hat Mann Zeit, sich zu rasieren…

PS. Wer nicht weiß, wer Gundel Gaukeley ist: Sie ist die Hexe aus den Donald Duck Heftchen. Kann man bei Wikipedia nachgucken. Und wer die Ähnlichkeit mit Donatella Versace nicht wahrnimmt, trägt wahrscheinlich einen Drei-Tage-Bart und hat gar keinen Sinn für Ästhetik.