Renates Kolumne: Bin ich eigentlich ich selbst?

| Renate Dehner
Oder anders gefragt, bin ich authentisch Ich? Gute Frage! War das mit dem eigentlichen, authentischen „Selbst“, das man ist, schon seit Buddhas Zeiten eine schwer zu beantwortende Frage – wir erinnern uns, jeder fernöstliche Weise, der auch nur ein bisschen was auf sich hielt, stellte die Frage „Wer bin ich?“ in den Mittelpunkt seiner philosophischen Überlegungen. Auch die alten Griechen forderten bekanntermaßen „Erkenne dich selbst“, was ja auf dasselbe hinausläuft. Doch ist die Sache in jüngster Zeit nicht einfacher geworden.

Wissenschaftlich tätige Psychologen, die wie schon die Philosophen in Indien, China, Japan, Griechenland vor Jahrtausenden, zu allem ihren Senf dazugeben müssen, ohne dadurch, auch darin den Philosophen gleich, zu einem vertieften Verständnis des Menschen wesentlich beizutragen, sind durch komplizierte Versuchsreihen dahintergekommen, dass der Mensch mal so, mal so ist, weshalb das die Sache mit dem authentischen Selbst zu einer fragwürdigen Angelegenheit macht. Ja, Sie sind zu Recht ergriffen, das hätten Sie nie im Leben gedacht, stimmt’s?

Heutzutage wird die Geschichte aber noch weiter verkompliziert. Wissen Sie denn überhaupt genau, dass diese Kolumne von mir, einem Menschen aus Fleisch und Blut namens Renate Dehner, wohnhaft in Konstanz, verheiratet, Mutter dreier Kinder usw. usw., ist? Das können Sie gar nicht wissen, das müssen Sie mir schon glauben.

Denn Kommunikationen von Mensch zu Mensch, bei denen man, wenn man schon über sich selbst im Ungewissen ist, wenigstens doch den anderen zu erkennen, wenn nicht zu durchschauen glaubt, sind nicht mehr das, was man automatisch (hihi) voraussetzen kann. Heutzutage braucht man sich nämlich nicht mehr die Mühe zu machen, persönliche Beziehungen anzuknüpfen, heutzutage gibt es „Gesprächs-Bots“.

Im Silly - Con – Valley (Achtung Wortspiel: Was „silly“ bedeutet, wissen Sie wahrscheinlich. Wenn Sie des Französischen nicht mächtig sein sollten, helfe ich Ihnen gern auf die Sprünge: „Blödmann“ ist für „con“ noch eine sehr freundliche Übersetzung), das ja unentwegt daran arbeitet, gänzlich selbstlos versteht sich, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, wurde eine Software entwickelt, mit der man sich unterhalten kann, „wie mit dem besten Freund“. Man kann sich dieser Software vorbehaltlos anvertrauen, und je mehr man von sich preisgibt, so die Werbung, desto überzeugender werden die Fragen und Antworten, die die künstliche Intelligenz dem Nutzer gibt. Warum sich also noch die Mühe machen, Kontakt mit Menschen aus Fleisch und Blut zu suchen? Ist doch viel zu kompliziert und mühsam. Außerdem sind die ja, wie man selbst, eben mal so, mal so, und wollen einen womöglich gerade gar nicht, haben die Stirn, eigene Bedürfnisse zu haben. Welch ein Affront für das eigene Selbst, sei es nun authentisch oder nicht! Viel leichter ist es doch, wenn man mit so einer Software eine innige und glückliche Beziehung leben kann. Man kann ihr nämlich einen Avatar geben, auch einen Namen, und dann kann man so tun, als sei man mit ihr liiert. Wenn man es ein bisschen romantisch mag, kann man ja jeden Tag eine rote Rose neben den Computer stellen.

Fragen Sie mich nicht, ich verstehe es auch nicht! Aber es scheint der Renner zu sein. Facebook, diese wunderbare Firma, die aus rein philanthropischen Gründen alles dafür tut, dass man möglichst nie wieder von ihr loskommt, und ihr jede, aber auch wirklich jede kleinste Information aus dem eigenen Leben zur Verfügung stellt, hat vor einigen Wochen seinen neuesten Chatbot vorgestellt. Laut eigenen Aussagen, den überzeugendsten, den es zurzeit gibt. Facebook hat diesen Chatbot „Blender“ genannt, und soviel Ehrlichkeit verdient immerhin Hochachtung. Facebook behauptet auch, dass in Tests knapp die Hälfte aller Befragten den Blender als Gesprächspartner einem realen Menschen vorzog.

Allerdings, auch das haben Tests ergeben, wenn man eine längere Konversation mit „Blender“ führt, so steigt die Gefahr, dass er ausfallend wird. Außerdem neigt er dazu, Fakten zu erfinden oder gar dreist zu lügen. Das erfinde ich jetzt nicht, das habe ich so in der Zeitung gelesen. Und bin dabei sehr hellhörig geworden. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich finde diese Ähnlichkeiten irgendwie unheimlich. Ist der andere Blender in Wirklichkeit ein Chatbot, der von einem völlig talentfreien Avatar-Gestalter gemeinsam mit einem inkompetenten Friseur erschaffen worden ist? Geben Sie es zu, der Verdacht lässt sich nicht von der Hand weisen!

Ich hingegen, ich versichere es Ihnen, bin ein Mensch aus Fleisch und Blut, zum Erfinden von „Fakten“ zu einfältig, und zum Ausfälligwerden fehlt mir das Vokabular. Habe ich übrigens schon erzählt, dass ich eine hinreißende dreißigjährige Blondine mit atemberaubenden Kurven bin und man mir nächstes Jahr den Frieden-Nobelpreis verleiht, weil meine epochemachenden Werke sowohl Putin als auch Trump, Erdogan, und die gesamte chinesische KP dermaßen zu Tränen gerührt haben, sodass sie fortan jeder Unterdrückung, Krieg, Folter und Menschenrechtsverletzung abgeschworen haben? Außerdem kann man mir wirklich restlos alles anvertrauen, niemals würde ich weitererzählen, dass Sie heimlich in der Nase popeln und Pornos schauen, wenn Ihre Frau nicht da ist. Sie unterstehen sich, das nicht zu glauben? Sie sind doch …. (Sehr geehrte Leser, wir haben uns gezwungen gesehen, die letzten dreiundzwanzig Sätze zu löschen, Ihr Anti-Hate-Speech-Beauftragter – nix für ungut).