Renates Kolumne: Der König als Bittsteller

| Renate Dehner
Es gibt Dinge, die überfordern meinen logischen Verdauungsapparat. Ich will damit jetzt nicht andeuten, dass der eine so allumfassende Kapazität besäße – man möge mich da nicht missverstehen. Aber dass vieles, was in Politik, Wirtschaft und akademischen Institutionen passiert, mein Begriffsvermögen übersteigt, mich daran zu gewöhnen, hatte ich reichlich Zeit, da wundert mich nichts mehr. Im Alltagsleben jedoch, da lasse ich mich immer wieder verblüffen.

Nehmen Sie folgendes Beispiel: Die Autobranche, heißt es, steckt tief in der Krise, nicht erst, seit ein merkwürdiger Virus uns das Leben schwermacht. Auch ein Unternehmen, über dem sonst immer ein strahlender Stern leuchtete, ist davon nicht ausgenommen. Die Spritschleudern verkaufen sich nicht mehr so gut, das merkt der Konzern, das merken aber auch die lokalen Autohäuser, die sich auf diese Marke spezialisiert haben.

Ein Autohaus, das erfolgreich sein will, braucht Kundschaft, da sind sich wohl alle einig. Die meisten Kunden wollen, das ist ihnen nicht auszutreiben, nett und freundlich behandelt werden. Ich weiß auch nicht, wie sie darauf kommen. Das spezielle Autohaus hier in Konstanz, auf das ich mich beziehe, hat zu diesen eigentümlichen Ansprüchen der Kunden seit jeher ein, wie soll ich sagen, ganz besonderes Verhältnis. Man könnte es gestört nennen. Es ist geprägt von schierem Unverständnis darüber, was Kunden heutzutage alles erwarten.

Die wollen zum Beispiel beachtet werden – shocking! Stehen im Verkaufsraum herum, gucken mit sehnsüchtigen Augen das neueste Modell an, schauen immer wieder her, aber das Gespräch mit dem Kollegen ist gerade so nett, und siehst du, die verlassen den Raum ja gerade freiwillig, was soll’s, die werden schon wiederkommen und wenn nicht, dann kommen halt andere.

Es kann einem da zum Beispiel auch passieren, dass man als Kunde minutenlang herumsteht, ohne von dem Mann am Schreibtisch, der nur Augen für seinen Computer-Bildschirm hat, eines Blickes gewürdigt zu werden. Wenn man nach geraumer Zeit fragt, ob es ihn stören würde, dass man sich setzt, antwortet er, ohne auch nur im Geringsten die Ironie der Frage zu bemerken: „Nein, ist ok.“  Der Kunde, auf das Niveau eines Bittstellers degradiert, denkt ernsthaft darüber nach, ob er sein Anliegen, das ihn viel Geld kosten wird, nicht vielleicht vorher schriftlich hätte beantragen sollen. Aber schließlich entscheidet er sich doch lieber dafür, das Autohaus zu wechseln.

Ja, sie haben da den Kunden-Vertrieb echt perfektioniert. Das neueste Beispiel erlebte mein sehr geduldiger und entgegenkommender Gatte, als er dort und nicht im Internet ein Ladekabel kaufen wollte – support your local dealer und so. Er nannte sein Begehr und wurde nach seinem Autokennzeichen gefragt. Ulrich war es zwar schleierhaft, weshalb der Verkäufer sein Kennzeichen brauchte, um ihm ein Ladekabel zu verkaufen, aber er nannte es. Der Verkäufer gab es in seinen Computer ein und suchte, wurde darin aber von Ulrich unterbrochen, der ihm sagte, dass er das Fahrzeug da nicht finden würde, da er das Auto ja woanders gekauft hatte. Daraufhin verlangte der Verkäufer, schon harscher im Ton, den Fahrzeugschein zu sehen. Ulrich unterstand sich zu fragen weshalb, der Verkäufer antwortete kurzangebunden, er brauche die Fahrzeugnummer. Auf Ulrichs neuerliche Frage, wozu er eine Fahrzeugnummer brauche, um ein standardisiertes Ladekabel zu verkaufen, wurde er angeschnauzt: „Wenn ich das brauche, dann brauche ich es, da diskutiere ich doch nicht lange mit Ihnen rum!“ Das war der Moment, als Ulrich beschloss, das Ladekabel doch lieber im Internet zu bestellen, was ihm gegenüber dem Preis, der im Autohaus verlangt worden war, noch eine satte Ersparnis einbrachte.

Wenn in diesem Laden der Kunde König ist, dann einer im Gewand Ludwigs des 16.  vor dem Revolutionstribunal – zu sagen hat er jedenfalls nichts mehr. Wundert sich jetzt noch jemand darüber, weshalb mein logischer Verdauungstrakt sich eine mittelschwere Indigestion zugezogen hat?