Warum Introvision bei Burnout-Gefahr wirklich hilft

| Ulrich Dehner
Im letzten Beitrag haben wir das Thema angeschnitten, dass bei Burnout oder Burnout-Gefährdung Psychotherapie nicht das Mittel der Wahl ist, weil es entweder nicht ausreicht, nur nach psychischen Ursachen zu forschen, oder oft genug auch gar nicht nötig ist. Was sich jedoch als sehr wirksam erwiesen hat, ist Introvision Coaching in Verbindung mit Selbstmanagement.

Ein wesentlicher Grund dafür, dass jemand Burnout gefährdet ist, besteht im Dauerstress, dem derjenige ausgesetzt ist. Dadurch werden permanent innere Alarme aktiviert, was die Amygdala veranlasst, Stresshormone auszuschütten. Wenn der Körper überschwemmt ist mit Adrenalin und Kortisol, wird es immer schwieriger, diese Stresshormone wieder abzubauen. Dauerbelastung führt zu einem unglücklichen Kreislauf: Die viele Arbeit lässt einen Sport und Bewegung vernachlässigen, dadurch werden Stresshormone nicht mehr abgebaut, mehr innerer Stress löst noch mehr Alarme aus, durch die Alarme werden vermehrt Stresshormone ausgeschüttet, man fühlt sich immer mehr unter Druck und glaubt, erst recht keine Zeit mehr für Bewegung und Entspannung zu haben, kann auch gar nicht mehr wirklich entspannen.

Dass dann ein Burnout droht, bedeutet aber noch lange nicht, dass die Betroffenen psychisch krank seien. Es bedeutet einfach, dass sie keinen Weg kennen, mit diesen inneren Alarmzuständen fertig zu werden. Bislang am besten bewährt dafür hat sich Introvision Coaching.  Introvision, die als Methode an der Uni Hamburg entwickelt wurde, um den Stress von Lehrern zu reduzieren, lässt sich in dem Format, wie es von der dehner academy weiterentwickelt wurde, hervorragend im Coaching einsetzen und führt meistens schon nach ein bis zwei Sitzungen zu bemerkenswerten Ergebnissen.

Die Forschung, die zu Introvision gemacht wurde, hat herausgefunden, dass Alarme und Stress durch das Zusammenwirken von „Imperativ“ und „Befürchtung“ entstehen. Die Theorie sagt, dass es einen inneren „Imperativ“ gibt, der fordert, dass etwas entweder auf jeden Fall zu geschehen hat („Ich muss diesen Auftrag bekommen!“) oder aber, dass etwas auf gar keinen Fall passieren darf („Ich darf dieses Projekt unter keinen Umständen vermasseln!“) und dass zu diesem Imperativ als erste innere Stimme eine zweite hinzukommt, die befürchtet, dass aber genau das eintreten könnte, was nicht sein darf, also „Es könnte sein, dass ich den Auftrag nicht kriege“ oder „Es könnte sein, dass ich mit diesem Projekt scheitere.“

Es lässt sich leicht vorstellen, dass jemand, der beispielsweise ein schwieriges Projekt zu bewältigen hat, bei dem einiges nicht funktioniert, weil der Kunde immer mal wieder unzufrieden ist, weil Termine nicht eingehalten werden können, weil es zu Fehlern kommt, zunehmend stärker unter Druck gerät, weil sein Imperativ „Ich darf bei diesem Projekt nicht scheitern!“ immer mehr von seiner Befürchtung, doch noch zu scheitern, konterkariert wird. Sobald der Imperativ bedroht ist, wird in der Amygdala in Sekundenbruchteilen ein Alarm ausgelöst: „Achtung, höchste Gefahrenstufe, es muss was getan werden!“ Also wird die Stresshormon-Ausschüttung in Gang gesetzt, denn nichts befähigt denn Menschen so schnell zu Höchstleistungen wie Adrenalin und Kortisol. Nur kann der Projektmanager leider mit dem, wozu ihn das Adrenalin am besten befähigt, nämlich verdammt schnell rennen, nichts anfangen. Und weil er vor lauter Stress auch in seiner Freizeit nicht mehr rennt, lagern sich die Stresshormone im Körper an und sorgen für Schlaflosigkeit, Unruhe, Nervosität, Mangel an Konzentration, bis es schließlich im Burnout endet.

Selbstverständlich gibt es lebensgeschichtliche Zusammenhänge, weshalb jemand ganz bestimmte Imperative ausgebildet hat, etwa nicht scheitern zu dürfen, keine Fehler machen zu dürfen, sich nicht „blamieren“ zu dürfen, immer auf Harmonie bedacht zu sein, es allen Anderen Recht machen zu müssen, und ähnliches. Doch das Verständnis, was wann warum irgendwann einmal passiert ist, hilft nicht dabei, den Alarm auszuschalten. Da die Amygdala so schnell ist, etwa zweihundert Mal schneller als das Großhirn, wo die Ratio sitzt, kommen auch vernünftige Überlegungen, die man sich in ruhigen Zeiten macht, eigentlich immer zu spät. Also auch wenn man weiß, dass der strenge Vater, der inkompetente Lehrer oder ein sonstiger Umstand dazu geführt hat, dass man jetzt einen Krampf im Magen kriegt bei der Befürchtung, man könnte versagen, erspart einem nicht den Stress. Wenn für die Amygdala nur eine Übereinstimmung von 10- 15 % Prozent dafür da ist, dass die Situation sich genauso entwickeln könnte, wie sie es keinesfalls darf, schrillt der Alarm los und die Stresshormone werden aktiviert.

Statt also nach irgendwelchen lebensgeschichtlichen Zusammenhängen zu suchen, weshalb sich jemand unter Druck setzt, ist es viel wichtiger, direkt an die Alarme heranzukommen, und die zu bearbeiten. Auch die üblichen Methoden des Stress-Management bringen keinen dauerhaften Erfolg, denn die managen nur den Stress, nachdem er entstanden ist. Bei der nächsten belastenden Situation ist der alte Stress wieder da. Solange man die Alarme nicht gelöscht hat, wird das immer wieder so sein. Mit Introvision Coaching hat man eine Methode, die dafür sorgt, dass der Stress gar nicht mehr entsteht, weil man die Alarme ausschaltet. 

Weshalb ist die Arbeit mit den Alarmen so wichtig? 

Alarme sind dazu da, Handlungen auszulösen! Sie haben keinen Sinn an sich, sondern dienen nur dazu, etwas anderes zu bewirken. Die Sirene bei Feuerwehr, Polizei und Krankenwagen soll andere Verkehrsteilnehmer zum Platzmachen bewegen, der Alarm bei einem Einbruch ruft die Polizei, der Feueralarm in einem Gebäude heißt „Alle schnellstmöglich raus hier!“

Ein Alarm, der keine Handlung auslöst, ist für die Katz, den kann man auch bleibenlassen.

Für die Alarme, von denen wir sprechen, bedeutet das, solange der Alarm noch eine Reaktion bewirkt, man hektisch wird, aufgeregt, nach Lösungen oder Scheinlösungen sucht, sein Gedankenkarussell kreiseln lässt usw., solange scheint er „sinnvoll“ zu sein. So betrachtet war es ein Geniestreich von Professor Angelika Wagner an der Uni Hamburg, sich zu fragen „Was passiert eigentlich, wenn man die Menschen den Alarm einfach mal nur beobachten lässt? Wenn man sie anleitet, den Alarm über sich ergehen zu lassen, ohne den geringsten Versuch, irgendetwas dagegen zu tun?“

Mit der richtigen Technik angeleitet, passiert bei den Menschen Verblüffendes: Der Alarm wird immer geringer, bis er schließlich ganz verschwindet. Das hängt mit seiner Natur zusammen: Er soll ja Handlung in irgendeiner Form auslösen. Wenn die nicht mehr erfolgt, wird auch der Alarm, der jedes Mal eine Menge Energie kostet, sinnlos. Und da das menschliche Gehirn ein „Energiespar-Modell“ ist, lässt es den Alarm schließlich bleiben, wenn der Mensch mit der Situation konfrontiert wird, die vorher seine Befürchtung ausgelöst hat.

Wie sieht das Vorgehen konkret aus?

Im Introvision Coaching wird zunächst der genaue Imperativ ermittelt. Es ist von entscheidender Bedeutung, den Imperativ ganz klar und mit der haargenauen Wortwahl zu erarbeiten, denn daraus ergibt sich später der Satz, der am treffendsten die Befürchtung zum Ausdruck bringt. Dieser Satz spielt in der Arbeit später die entscheidende Rolle, denn er muss den inneren Alarm auslösen.

Bevor die Arbeit mit dem Alarm richtig losgehen kann, muss der Klient jedoch zunächst lernen, wie er die Haltung der weiten Wahrnehmung einnehmen kann. Schließlich muss er in der Lage sein, dass, was sein Alarm alles bewirkt – also körperliche Vorgänge wie Anspannungen, Druck im Bauch, Enge im Hals etc, mentale Vorgänge wie Gedankenkarussell oder überhaupt Gedanken, und emotionale Vorgänge wie Angst, Trauer, Wut, Zorn und ähnliches – einfach nur zu beobachten. Beobachten und Wahrnehmen, das sind bei dieser Arbeit sozusagen die Schlüsselkompetenzen, nichts bewerten, nichts anders haben wollen, nichts lösen wollen, nur aufmerksam dabei sein. Der Klient lernt also zunächst das, was im Mindfulness Based Stress Reduction Programm „Achtsamkeit“ genannt wird. Die Klienten schaffen das mit der richtigen Anleitung meist sehr schnell.

Danach konfrontiert der Coach den Klienten mit dem Satz, der seinen Alarm auslöst. Der Alarm muss erlebt werden, sonst ist die Arbeit mit Introvision Coaching nicht möglich. Der Klient bewertet die Höhe des Alarms auf einer Skala von eins bis zehn – und beobachtet dann seine Reaktionen auf den Satz. Er bleibt so lange in dieser Haltung der aufmerksamen Beobachtung, wie es ihm möglich ist, aber maximal etwa zehn Minuten. Dabei erleben die meisten Klienten schon eine Verringerung des Alarms. Bei einem zweiten Setting reduziert sich der Alarm für gewöhnlich noch weiter.

Das Setting wird vom Coach aufgenommen, damit der Klient eine Aufnahme hat, mit der er zu Hause täglich etwa zehn Minuten allein weiterüben kann, entweder bis zur nächsten Sitzung oder bis sein Alarm bei null ist. Den Alarm bis auf null zu bringen ist wichtig, damit er sich nicht peu á peu wieder aufbauen kann.

Die Klienten machen die für sie häufig sehr verblüffende Erfahrung, dass eine Situation, die früher mit großem Stress verbunden war, plötzlich souverän und rational bewältigt werden kann.

Und warum auch noch Selbstmanagement?

Im Coaching hat sich immer wieder gezeigt, dass es Menschen, die in Dauerstress geraten, häufig an den richtigen Tools mangelt, um ihre vielfältigen und komplexen Aufgaben sinnvoll zu managen. Da wird zum Beispiel mit Multi-Tasking versucht, der Dinge Herr zu werden (obwohl es inzwischen anerkannte Tatsache ist, dass lediglich Mütter kleiner Kinder Multi-Tasking beherrschen). Beim Hin- und Herspringen zwischen Aufgaben, gehen Konzentration, Koordination und Überblick verloren – der Alarm springt an, der innere Druck steigt.

Auch der Umgang mit der Flut an E-Mails ist häufig alles andere als optimal. Wer dauernd durch die Nachricht gestört wird, dass eine neue Mail angekommen ist, verliert einen Großteil seiner Konzentration. So braucht man deutlich mehr Zeit, um eine Aufgabe zu erledigen. Zweimal täglich Mails abzurufen genügt für gewöhnlich durchaus.

„Stille Stunden“ sind für erschreckend viele Führungskräfte noch ein Fremdwort. Dabei kann man von Mitarbeitern und Kollegen durchaus Verständnis dafür erwarten, dass man Zeit braucht, um ungestört etwas abzuarbeiten.

Zu einer guten Arbeitsorganisation gehört auch, Rückdelegationen zu erkennen und konsequent abzulehnen. Rückdelegationen führen dazu, dass Führungskräfte während ihrer Arbeitszeit mit den falschen Problemen beschäftigt sind. Sie lösen die Probleme ihrer Mitarbeiter und ihre eigenen müssen dann in zahllosen Überstunden abgearbeitet werden. Dadurch erhöht sich nicht nur die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden, auch der Verantwortungsgrad steigt, was wiederum den Druck erhöht.

Auch das Setzen von Prioritäten gehört zum Selbstmanagement. Dabei gilt es besonders die berühmte 80/20 Regel zu beachten. Die besagt, dass man mit 20% der Aufgaben 80% seines Erfolges sicherstellt. Deshalb ist es so wichtig, die Aufgaben herauszufinden, die wirklich wesentlich zur Zielerreichung beitragen.

All diese und noch weitere Selbstmanagement-Tools sorgen dafür, alle Projekte im Blick zu behalten und täglich das beruhigende Gefühl zu haben, sehr gut organisiert zu sein, weshalb die Kombination aus Introvision Coaching und Selbstmanagement der beste Schutz gegen die Gefahr eines Burnouts darstellt.

Informationen über Introvision im Rahmen von BGM - Maßnahmen