Wertvolle Erfahrung weitergeben – aber richtig!

| Ulrich Dehner
Erfahrene Führungskräfte verfügen oft über sehr viel Wissen, das Neulingen und Berufseinsteigern die Arbeit enorm erleichtern könnte.

Manche beginnen schon während ihrer regulären Arbeitszeit als Mentor tätig zu werden. Andere widmen sich erst später dieser neuen Aufgabe. Da sie nach dem Ausstieg aus dem Berufsalltag noch viel zu fit, aktiv und jung sind, um „sich zur Ruhe zu setzen“, besitzen auch erfreulich viele der ehemaligen Führungspersönlichkeiten den Wunsch und die Bereitschaft, sich als Mentor für andere zur Verfügung zu stellen. Doch ob man früher oder später damit beginnt: Es ist auf jeden Fall eine sehr befriedigende Aufgabe, von der beide Seiten profitieren – beziehungsweise, profitieren könnten. Denn vielleicht macht der eine oder andere ja die Erfahrung, dass es gar nicht so leicht ist, die Erfahrung, die man besitzt, weiterzugeben.

Der Mentor ist besten Willens, alles zu teilen, was er kann und weiß und erntet vielleicht trotzdem nur viele „Ja, aber…“! Da ging doch etwas schief. Bevor man entmutigt das Handtuch wirft und entweder glaubt, man habe den Jungen eben doch nichts zu sagen, oder, noch schlimmer, die Jungen wollen ja gar nichts dazulernen, sollte man sich klarmachen, dass die beste Erfahrung nichts nützt, wenn man nicht über die Mittel verfügt, sie so an die Frau oder den Mann zu bringen, dass  sie auch angenommen werden kann.

In einer Coaching-Ausbildung lernt man, neben einem vertieften Verständnis von Menschen und Kommunikationsprozessen, jede Menge Tools, um solche und andere Schwierigkeiten zu handhaben. Eine der Grundlagen, die im Coaching – und ein Mentoring ist ja nichts anderes als Coaching – eine wesentliche Rolle spielen, ist zum Beispiel das Wissen über den Bezugsrahmen.

Was ist ein Bezugsrahmen?

Bezugsrahmen ist ein Modell aus der Transaktions-Analyse. Da wird der innere Bezugsrahmen definiert als eine Kombination aus Selbstbild plus Weltbild. Man ordnet sich selbst ein „Ich bin jemand, der…“ und man ordnet die Umwelt, und das, was einem zustößt gemäß des Bezugsrahmens ein: „Das gehört sich nicht! Das ist wichtig/ Das ist unwichtig/Das gefällt mir/ Das stößt mich ab!“ und so weiter.

Der Bezugsrahmen speist sich aus den Werten, die man gelernt oder entwickelt hat und Erfahrungen, die man gemacht hat.  In manchen Situationen können auch verschiedene Teile des inneren Bezugsrahmens miteinander im Widerstreit liegen. Zum Beispiel sagt ein Teil in mir: „Es ist 18 Uhr und ich habe genug gearbeitet, ich habe keine Lust mehr, ich möchte nach Hause.“ Ein anderer Teil sagt mir aber: „Was man angefangen hat, bringt man auch zu Ende! Du brauchst noch zwei Stunden, dann bist du fertig.“ In solchen Fällen gibt es normalerweise aber eine Hierarchie von Wertungen, so dass bei zwei widersprüchlichen Teilen der wichtigere den Ausschlag gibt.

Zwei Personen können niemals exakt den gleichen Bezugsrahmen haben, und selbst wenn ihr Bezugsrahmen sich stellenweise deckt, bleiben doch genug unterschiedliche Sichtweisen, die letztlich auch die unterschiedlichen Persönlichkeiten ausmachen. Trotzdem können natürlich zwei Menschen bezüglich eines Problems weitgehend den gleichen Bezugsrahmen haben. Das produziert aber Schwierigkeiten beim Lösen des Problems, denn wenn der Bezugsrahmen des einen den Blick auf die Lösung verstellt, passiert das dem anderen auch.

Niemand kann ohne Bezugsrahmen sein. Was daraus folgen würde, wäre totale Leere und Verwirrung. Man könnte die Ereignisse um einen herum nicht mehr einordnen und stürzte ins innere Chaos oder besserenfalls (und eher selten) in die Erleuchtung. Man hätte keine Wertungen mehr, denn alle Wertungen hängen mit dem Bezugsrahmen zusammen. Der Bezugsrahmen sorgt dafür, dass man immer nach sinnvollen Zusammenhängen sucht und sie auch braucht.

Verstanden zu haben, dass ein anderer Mensch einen anderen Bezugsrahmen besitzt als man selbst, bedeutet aber auch zu wissen, dass man diesen anderen Bezugsrahmen anerkennen und sich auf diesen anderen Bezugsrahmen einstellen muss, wenn man etwas vermitteln will, das den Anderen völlig fremd anmutet. Wie man das macht, wie man einen anderen Bezugsrahmen erkennt, und wie man zu einer guten „Arbeitsbeziehung“ miteinander kommt, das ist nur ein kleiner Teil dessen, was eine Coaching-Ausbildung für jeden Mentor so wertvoll macht. Es gibt natürlich noch viel mehr: Ein vertieftes Verständnis für andere und für sich selbst entwickeln, Verstehen, was sich bei Kommunikation abspielt, vor allem, wenn sie schiefgeht, systemische Zusammenhänge erkennen, die Psycho-Logik menschlicher Verhaltensweisen verstehen, um nur einen kleinen Teil dessen aufzuzählen, was in der Coaching-Ausbildung geboten wird.